Nominiert für den Kurt-Hackenberg-Preis für politisches Theater 2016
Fluchtspuren verfolgen – Eine Theaterproduktion

DORTHIN WO MILCH UND HONIG FLIESSEN (UA)

Hannover – Foto: © Julius Matuschik

Hannover – Foto: © Sonja Palade

Köln – Foto: ©MEYER ORIGINALS

Düsseldorf – Foto: ©MEYER ORIGINALS

Düsseldorf – Foto: ©Barbara Frommann

Düsseldorf – Foto: ©Barbara Frommann

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Düsseldorf – Foto: ©MEYER ORIGINALS

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Hannover – Foto: © Julius Matuschik

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Hannover – Foto: © Sonja Palade

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Düsseldorf – Foto: © Samera Zagala

Köln – Foto: ©MEYER ORIGINALS

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Köln – Foto: ©MEYER ORIGINALS

Köln – Foto: ©MEYER ORIGINALS

Köln – Foto: ©MEYER ORIGINALS

Düsseldorf / Köln / Hannover

Düsseldorf

Hoch über der Stadt beginnt die inszenierte Fußreise durch Oberbilk. Das Kommen und Gehen, die Migration und die Erfahrung, dass nichts bleibt, wie es war, sind dem Stadtteil eingeschrieben. Rajana aus Mogadischu war fünf Jahre alt als ihre Eltern bei einem Raketenangriff getötet wurden. Eine Familie aus der Nachbarschaft nahm sie mit in ein kleines Dorf. Sie musste hart arbeiten, wurde geschlagen und brutal vergewaltigt. Sie hatte nur eine Hoffnung: Flucht. Wie lässt sich von Flucht erzählen? Wir folgen der Stimme in unseren Ohren und hören Erzählungen aus Afghanistan, dem Irak, Syrien … – fiktional bearbeitet und doch sind es die Erinnerungen von Frauen, Männern und Jugendlichen, die geflohen sind. Der Audiowalk führt durch unbekanntes Terrain. Die Stimme im Ohr weist den Weg, durch Hinterhöfe, in Gärten, Gebäude und Geschäfte – die Stadt und die Fluchtspuren überlagern sich auf überraschende Weise.

Die Zahl der Menschen weltweit auf der Flucht ist auf einem traurigen Rekordniveau angekommen. Globale Krisen und große Flucht- und Migrationsbewegungen stellen viele Länder vor enorme Herausforderungen. Die Lebensgeschichten dieser Menschen zu hören, hilft zu verstehen, warum Menschen ihre Heimat verlassen und Schutz in anderen Ländern suchen. Der Syrien-Konflikt bleibt weiterhin die Hauptursache für Flucht und Vertreibung und dem damit verbundenen Leid. Afghanistan, Irak und Somalia sind Staaten ohne wirksame Zentralgewalt, in denen bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen.

In jedem dieser Konflikte stellt sich folglich für die Zivilbevölkerung die Frage: Fliehen und alles zurücklassen oder bleiben und sein Leben riskieren? DORTHIN WO MILCH UND HONIG FLIESSEN erzählt aus jedem dieser vier Länder die Geschichte einer Flucht, aus unterschiedlichen Perspektiven: der zweier Frauen, eines Mannes und eines Jugendlichen. Und jeder Geschichte liegt die Biografie eines Menschen aus einem dieser Herkunftsländer zugrunde.

Mit einem Audiogerät, einem Kopfhörer und einer Wegskizze ausgerüstet, werden die Theaterbesucher*innen auf eine performative Spurensuche geschickt: Die Route folgt den Spuren eines unbekannten Geflüchteten. Die Stimme, die zu hören ist, leitet die Richtung ihrer Schritte, weist auf Besonderheiten und Hintergründe hin, führt zu Spielorten entlang der Route – und erzählt eine Fluchtgeschichte. Jede Geschichte folgt ihrer eigenen Route.

Das Gehörte wechselt folglich zwischen funktionalen Wegbeschreibungen und der persönlichen Geschichte, die historische und politische Informationen enthält, etwas über die jeweilige Lebenswelt erzählt im Herkunftsland, die Flucht und ihre Hintergründe in den Mittelpunkt der Erzählung rückt sowie Persönliches über Alltag, Liebe, Hoffnungen, Schwierigkeiten und Ängste offenbart.

In dieser theatralen Form steht das individuelle Erlebnis im Vordergrund. Theaterbesucherinnen und Theaterbesucher machen unterschiedliche Erfahrungen. Dies schafft Potenzial für eine Auseinandersetzung mit den Erlebnissen der anderen - der Audiowalk endet in einem Café, das dazu Gelegenheit bietet.

Düsseldorf-Oberbilk ist heute der zweitgrößte maghrebinisch geprägte Stadtteil Deutschlands. In der Vergangenheit formte die Eisen- und Stahlindustrie den früheren Arbeiterstadtteil, der seit Mitte des 19. Jahrhunderts eine wechselhafte Migrationsgeschichte aufweist. Der Weg führt vorbei an Stätten mit arabischer Schrift, an arabischen Geschäften und Moscheen wie an der traditionellen Oberbilker "Veedels-Metzgerei", Gärten und dem Boxpabst, einer Düsseldorfer “Milljöh-Kneipe“, durch belebte und einsame passagere Räume des Alltags. An anderen Stätten warten schon Ortsansässige auf die Besucher*in, um sie mit ihrer Lebenswelt vertraut zu machen oder Schauspieler*innen verwickeln die Besucher*in in ein szenisches Geschehen.

DORTHIN WO MILCH UND HONIG FLIESSEN bespielt zwei unterschiedliche, deutlich voneinander separierte Räume: den Stadtteil Düsseldorf-Oberbilk, dem aktuell sich ereignenden Raum, und die jeweiligen Herkunftsländer, Fluchtrouten und Ankunftsorte in Deutschland, Orte die von Erinnerungen heimgesucht werden. Die Stimme respektive die Tonspur überlagert die akustische Landschaft des realen räumlichen Umfelds und macht es schwierig, die Quelle von Lauten und Geräuschen zu lokalisieren. Der Einsatz des Audio Equipments ist eine Herausforderung an die räumlich-akustische Wahrnehmung: Gesprächsfetzen, Verkehrslärm, Hundegebell. Welcher Laut entspringt der unmittelbaren räumlichen Umgebung und welcher dringt durch die Kopfhörer ins Ohr? Die Rezipent*in wird zur Partizipient*in, zum Weggefährten und zur Komplizin einer unbekannten Sprechinstanz, hier Burhan, Halima, Rajana oder Sami. Sie teilen sich den gemeinsamen akustischen "Zwischenraum" und sind dadurch während des Audiowalks miteinander verbunden.

Rajana

Sami

Das passagere Gefüge von DORTHIN WO MILCH UND HONIG FLIESSEN lässt sich als ein Aufeinanderschichten und Durchwirken verschiedener Räume und Realitäten beschreiben. Die unterschiedlichen Schichten und Geschichten, die sich in und mit den Räumen ereignen, existieren gleichzeitig und überlagern sich. Je nach Blickwinkel können sie vermischt oder voneinander getrennt wahrgenommen werden.

Die Inszenierung arbeitet sowohl mit dem Hier als lokal verortet in Düsseldorf-Oberbilk rund um die Ellerstraße als auch mit dem Dort, das über einen bestimmten Ort hinausweist. Dadurch entstehen Zwischen-Räume: zwischen Düsseldorf-Oberbilk und der globalisierten Welt, zwischen der Theaterbesucher*in und dem Geflüchteten, zwischen Anwesenheit und Abwesenheit, zwischen Realität und Fiktion, zwischen Hören, Sehen, Gehen. Sie sind die Verhandlungszonen, in denen zwischen Nähe und Distanz changiert wird. Sie sind der Spielraum performativer Grenzaushandlung.

 

Pressestimmen

Peter Backof, Deutschlandfunk - Sendung Corso, 10. Juni 2015 und online

Nicole Strecker, WDR3 – Sendung Resonanzen, 11. Juni 2015 und online

Credits

Konzept & Künstlerische Leitung: Charlott Dahmen & Karin Frommhagen / Dramaturgie & Text: Rosi Ulrich & Ensemble / Schauspiel: Azizè Flittner / Katrin Nowak / Anas Ouriaghli / Tomasso Tessitori / Sprecher*innen: Ralf Peters / Agnes Pollner / Tom Raczko / Nika Wanderer / Audioproduktion: Ralph Lennartz / Djoze & Tablas: Bassem Hawar / Ausstattung: Trixy Royeck & Ruth Spätling / Produktionsleitung: Charlott Dahmen & Karin Frommhagen / Produktionsassistenz: Dominique Tauch / Dolmetscherinnen: Djoahra Ali & Rima Elsaleh / Kommunikationsdesign: Ute Brachwitz / PR: Tina Adomako

Schirmfrau: Miriam Koch, Flüchtlingsbeauftragte der Landeshauptstadt Düsseldorf

Eine Kooperation von
Engagement Global - Service für Entwicklungsinitiativen, Eine Welt Forum Düsseldorf e.V., Eine Welt Netz NRW e.V.

In Zusammenarbeit mit
EXILE-Kulturkoordination e.V.

Premiere, Juni 2015, Oberbilk, Startpunkt Parkhaus Düsseldorf HBF, Oberstes Parkdeck

Wiederaufnahme, September 2015, Oberbilk, Startpunkt Parkhaus Düsseldorf HBF, Oberstes Parkdeck

Im Auftrag des
Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

Der Eintritt geht als Spende an die Flüchtlingsinitiative STAY!

Beteiligte Akteur*innen aus dem Stadtteil Oberbilk:
Beim Boxpapst, Wilfried Weiser / Café Salam, Hassan El’Abdellaoui / Nadia Dari / EuroNur Düsseldorf (Lehranstalt für islamische Wissenschaften) / Hamam Sahara Wellness, Fauzia EL Kadiri / Islamisches Bestattungsinstitut in NRW GmbH, Hicham El Founti / Oberbilker Stadtgärtner e.V. / Patisserie Tanger, Laila Ferma / Reisebüro Allachi, Husaian Fannoua / Dirk Sauerborn (Kontaktbeamter Polizei Düsseldorf) / STAY! Düsseldorfer Flüchtlingsinitiative e.V. / Supermarkt Nador

Köln

Nominiert für den Kurt-Hackenberg-Preis für politisches Theater 2016

Hoch über der Stadt beginnt die inszenierte Fußreise durch Kalk. Das Kommen und Gehen, die Migration und die Erfahrung, dass nichts bleibt, wie es ist, sind dem Stadtteil eingeschrieben. Burhan aus Afghanistan ist 15. Sein Vater ist von den Taliban getötet worden. Seine Mutter hat nur eine Hoffnung für ihren ältesten Sohn: Flucht. Wie lässt sich von Flucht erzählen? Wir folgen der Stimme in unseren Ohren, hören Erzählungen aus dem Irak, Syrien und Somalia – und gehen dabei durch Hinterhöfe, Gärten und in Moscheen. Die Stadt und die Fluchtspuren überlagern sich auf überraschende Weise.

Was bewegt einen Menschen dazu, alles zurück zu lassen, um eine Reise in ein unbekanntes, fernes Land anzutreten, hin zu einem Ort ohne Familie und Freund*innen, wo alles namenlos und die Zukunft ungewiss ist? In DORTHIN WO MILCH UND HONIG FLIESSEN erzählen vier Geflüchtete ihre Geschichten, lassen an ihren Erinnerungen und Erfahrungen teilhaben und führen dabei durch Kalk / Humboldt-Gremberg – ein Veedel, dem die Erfahrungen von Flucht und Migration gewissermaßen eingeschrieben sind.

Die performative Spurensuche führt durch Kalk und einen kleinen Teil von Humboldt. Auf der "Schäl Sick" in Kalk hat sich in den letzten Jahrzehnten ein starker Strukturwandel vollzogen. Heute entstehen auf großflächigen Industriebrachen Neubaugebiete – und das Quartier hat sich zu einem Wohn- und Verwaltungsstandort entwickelt. Das Stadtbild ist multikulturell geprägt; eine Vielzahl von Läden, Supermärkten und Dienstleistungsangeboten ist auf spezielle Bedürfnisse von Migrant*innen zugeschnitten. Das Lokale und das Globale sind hier auf komplexe Weise miteinander verwoben.

 

Pressestimmen

"Eine Stadtführung durch Köln-Kalk. Warum gerade Kalk, fragst du dich, besonders, wenn du Köln gut kennst. Mit Audiogerät und Kopfhörern wirst du losgeschickt. Eine Stimme leitet dich durch versteckte Idyllen, merkwürdige Orte und Stadtteilinstitutionen. Und dir wird eine Geschichte erzählt. In meinem Fall von Rajana, geflüchtet aus Somalia, sieben Jahre lang über Äthiopien, Sudan, Libyen, Tunesien und Sizilien, schließlich nach Köln. Eine erschütternde Geschichte. Weil du dir nicht vorstellen kannst, dass es einen Menschen geben kann auf dieser Welt, der so wenig weiss. Der nicht einmal weiss, was ein Ausweis sein könnte. Der glaubt, irgendwo hinter dem Sudan gehst du durch eine Tür oder über eine Straße und bist in Europa. Und da wird alles gut. Und nicht mal eine Vorstellung hat, wie das gehen könnte, gut werden. Vielleicht Arbeit haben und davon leben können, einen Platz haben, wo es ungefährlich ist, einzuschlafen. Als Rajana fünf Jahre alt ist, fällt ihre Familie einem Raketenangriff zum Opfer. Sie kommt in eine Pflegefamilie, die sie ausbeutet, versklavt, viele Male vergewaltigt. Sie darf in keine Schule, läuft irgendwann weg, lernt einen Mann kennen, der ist wie sie. Sie wird Muslima. Gemeinsam fliehen sie, werden immer wieder inhaftiert, versklavt, misshandelt. In Tunesien sind die Lager überfüllt. Die UNHCR gibt ihnen 1200 Dollar um sich eine Existenz aufzubauen. Sie investieren das Geld in Schlepper. Auf der Schiffsüberfahrt, inzwischen mit einem kleinen Kind, sterben ein Drittel der Passagiere. Rajana und ihre Familie sitzen oben. Sie überleben. Für meine Ohren hört sich das an wie absurdes Theater. Und ich verstehe etwas. Rajana flieht nicht vor politischer Verfolgung, natürlich aus humanitären Gründen, aber eigentlich läuft sie weg vor dem Nicht-Leben, davor kein Mensch zu sein, sondern nur ein Hindernis, eine Geldquelle, eine Bedürfnisbefriedigung. Sie flieht zu einer Würde. Und die soll es in Europa geben, heisst es wohl in Afrika.
Und warum muss ich durch Kalk laufen, während mir diese Geschichte erzählt wird? Es gibt hier geeignete Plätze, um inne zu halten, wie die Pflanzstelle, ein Gemeinschaftsgarten in einer Industriebrache, oder einen unscheinbaren Mini-Park in einer Art Hinterhof. Hier liest du auf Zetteln Dilemma-Situationen flüchtender, sich schleppen lassender Menschen und wirst aufgefordert, Entscheidungen zu treffen. Und eine schöne, dunkelhäutige Frau singt a capella 'Ombra mai Fu' aus Händels Xerxes, ein sehnsuchtsvolles Loblied auf eine Platane. Die Ironie haut dich um – und die Frau ist für dich zumindest für einen kurzen Moment automatisch Rajana. Und du möchtest mit ihr reden. Aber sie ist es natürlich gar nicht. Und du sagst auch nichts. Du gehst in eine Moschee und wirst in Gebetsriten eingewiesen, du trinkst afrikanische Limonade in einem kleinen Laden, du triffst jemanden von einer Organisation, die versucht, Flüchtlingen zu helfen. Je länger du zuhörst, desto reicher und paradiesischer kommt dir dieser teils schlimm verfallene Stadtteil vor. Und das, obwohl Rajanas Erzählung ganz sachlich erzählt wird, mit fast amtlich klingendem Mittelklasse-Vokabular, als episch-dramatisches Navi.
(...) Schließlich gibt es noch 'richtiges' Theater. Im Bürgerhaus spielen vier Schauspieler die Anhörungen der vier Geflüchteten - neben Rajana der Junge Burhan aus Afghanistan, der Musiker Sami aus dem Irak und die Innenarchitektin Halima aus Syrien - in Form von Boxkämpfen. Eine grandiose Idee, präzise, frei, individuell abgestuft umgesetzt. Ausklang ist dann in einer italienischen Bar. Du kannst reden, mit den Künstlern und den anderen Zuschauern, über das, was du allein gehört und gesehen hast, zwei Stunden lang in Köln - Kalk. Und du nimmst es mit nachhause. Und hast vielleicht was gelernt. Oder das kommt noch."
Andreas Falentin, theater:pur in NRW, Juli 2017

"Halima ist Palästinenserin, doch sie lebte in Damaskus. Eigentlich wollte sie ans Theater, aber die 44-Jährige wurde Innenarchitektin. 'Frauen nahmen am öffentlichen Leben ganz selbstverständlich teil', erinnert sie sich zurück. Dann kam der arabische Frühling, die Mutter eines Sohnes begann, dringend benötigte Hilfslieferungen in eingekesselte Gebiete des Landes zu bringen und ahnte nicht, 'wie brutal es werden würde'. Sie wurde politisch verfolgt, verhaftet und beschloss zu fliehen. Mit der Hilfe deutscher Journalisten tat sich eine Möglichkeit auf, legal dem Regime zu entkommen. Der gefährliche Weg mit Schleppern blieb ihr erspart. (...) Während Halima, Burhan, Rajana oder Sami mit ergreifenden Erzählungen aus ihrer Heimat und von der Flucht - unterbrochen von kurzen Wegbeschreibungen für vier verschiedene Routen - per Audioguides direkt in die Ohren der Teilnehmer eindringen, wird die Inszenierung geschickt durch reale Erfahrungen wie Besuche lokaler Cafés, Gartenprojekte, Moscheen und Dachterassen ergänzt. (...) Der Startpunkt liegt hoch über den Dächern, auf dem obersten Deck eines Parkhauses, von wo sich die 'Stadt im Wandel' (...) gut überblicken lässt. Weiter unten in den Straßen verliert man leicht den Überblick und taucht in den Alltag der Stadtteilbewohner, derer das Stück sich zunächst als die einzigen auch sichtbaren Darsteller, bedient, ein.
Wie treffend das Stück Flucht und Ankunft beschreibt, zeigt die 'Wunschbörse' in der Trimbornstraße. Der Schrank voller Zettel mit Wünschen von Migranten vermittelt einen Eindruck von den Herausforderungen, die das Einleben in den Stadtteil mit sich bringt. 'Ich wünschte, eine Person hilft mir, eine Wohnung zu finden', liest sich eine Notiz. 'Die eigenen vier Wände - total wichtig', stellte Halima noch kurz zuvor fest.
Auch Julia Siebert von der Beratungsstelle 'ActNow!' beteiligt sich am Projekt und bespricht mit dem Publikum, welche beruflichen Perspektiven Halima nun hat: 'Ich möchte dem Bild, dass man nichts tun kann, entgegenwirken.' Eigentlich sollte sie nur die Theaterproduktion anreichern, doch mittlerweile unterstützt sie Halima tatsächlich in ihren Bemühungen, sich eine neue Zukunft aufzubauen. (...) Wenn man die Fluchtgeschichten so nah an sich heran lässt, wie es diese inszenierte Suche nach dem Land, wo Milch und Honig fließen, ermöglicht, dann wirken die vorgefertigten Fragen der Beamten und ihrer Computer geradezu absurd: Nein, Halima habe keine Beweise für ihre Mißhandlung im syrischen Gefängnis dabei."
Julia Hahn, Kölner Stadt-Anzeiger, 11. Juli 2017

Credits

Konzept & Künstlerische Leitung: Charlott Dahmen & Karin Frommhagen / Dramaturgie & Text: Rosi Ulrich & Ensemble / Schauspiel: Azizè Flittner / Katrin Nowak / Anas Ouriaghli / Tomasso Tessitori / Sprecher*innen: Ralf Peters / Agnes Pollner / Tom Raczko / Nika Wanderer / Audioproduktion: Ralph Lennartz / Djoze & Tablas: Bassem Hawar / Ausstattung: Trixy Royeck & Ruth Spätling / Produktionsleitung: Charlott Dahmen & Karin Frommhagen / Regie- & Produktionsassistenz: Dominique Tauch / Dolmetscherinnen: Djoahra Ali & Rima Elsaleh / Kommunikationsdesign: Ute Brachwitz / PR: neurohr & andrä

Gefördert von
Engagement Global - Service für Entwicklungsinitiativen

Im Auftrag des
BMZ - Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

In Kooperation mit
intakt e.V., dem Sommerblut Kulturfestival, Bürgerhaus Kalk, Eine Welt Netz NRW e.V., EXILE-Kulturkoordination e.V.

Premiere, Mai 2016, Kalk, Startpunkt Parkhaus "Altes Heizkraftwerk", Oberstes Parkdeck

Wiederaufnahme, Juli 2017, Startpunkt Parkhaus "Altes Heizkraftwerk", Oberstes Parkdeck

Der Eintritt geht als Spende an die Präventions- und Hilfsinitiative 180°-Wende.

Beteiligte Akteur*innen aus dem Stadtteil Kalk:
AbenteuerHallenKALK / ActNow! - Julia Siebert / Ausstellungsraum des Büro für Brauchbarkeit / Bar Italia‘90 / Bürgerhaus Kalk / Café Casablanca, Kader Zaghi / Cevat Cakir / Eyüp Sultan Moschee, Jugendabteilung / Kuba-Moschee / Pflanzstelle / Shaolin Center Kalk, Sifu Max Siegloch / Super Tropical Shop, Afissou Soulemane / 180°-Wende, Avista Assadi, Mimoun Berrissoun, Aykut Bük, Numan Özer

Charlott Dahmen und Karin Frommhagen haben die Theaterproduktion für die Wiederaufnahme weiter entwickelt, die vier Geschichten aktualisiert – schließlich haben sich die Lebensumstände von Burhan, Sami, Rajana und Halima verändert. Für sie steht jetzt weniger die Frage nach dem Aufenthaltsstatus im Fokus, vielmehr ihre berufliche und private Lebenssituation und Perspektive.

Hannover

Hoch über der Stadt beginnt die inszenierte Fußreise durch die Nordstadt. Das Kommen und Gehen, die Migration und die Erfahrung, dass nichts bleibt, wie es ist, sind seit jeher dem Stadtteil eingeschrieben. Burhan aus Afghanistan ist 15. Sein Vater ist von den Taliban getötet worden. Seine Mutter hat nur eine Hoffnung für ihren ältesten Sohn: Flucht. Dies ist eine von vier Geschichten. Wie lässt sich von Flucht erzählen? Wir folgen der Stimme in unseren Ohren, hören Erzählungen aus dem Irak, Syrien, Somalia und Afghanistan – und gehen dabei durch Hinterhöfe, in Gärten, Gebäude, Geschäfte und eine Moschee. Die Stadt und die Fluchtspuren überlagern sich auf überraschende Weise.

Der glokale Theaterwalk führt durch Hannovers Nordstadt. Der Stadtteil ist divers. Die Nordstadt ist durch eine hohe Wohndichte und die traditionelle Mischung von Wohnen mit gewerblicher Nutzung gekennzeichnet. Der Stadtteil ist in seiner Geschichte durch Zuwanderungen geprägt und verfügt über Voraussetzungen und Potenziale, die ihn für Migrant*innen attraktiv machen. Eine Vielzahl von Geschäften, Handel, Gastronomie und Dienstleistungsangeboten, Selbstorganisation und ein auf interkulturelle Begegnung orientiertes Netzwerk sind auf ihre speziellen Bedürfnisse zugeschnitten. Diese Infra-Struktur bietet für die ansässige Bevölkerung und Außenstehende attraktive Anlaufpunkte. Bedingt durch die Nachbarschaft zur Universität ist der Anteil an jungen Menschen in diesem Stadtteil überdurchschnittlich hoch. Die Atmosphäre ist bunt und revolutionär – nicht zuletzt durch die legendäre Besetzung der ehemaligen Schokoladenfabrik Sprengel, die in den 90er Jahren im Zentrum der "Chaostage" steht.

 

Pressestimmen

"Das Theaterprojekt 'Dorthin wo Milch und Honig fliessen' beginnt mit einem Blick von weit oben. 'Es ist dieselbe Stadt, die du gleich erlebst, wenn du hinab steigst', sagt die Frauenstimme im Kopfhörer, nachdem sie ihren Zuhörer im 14. Stock des Conti-Hochhauses ans Fenster gelotst hat. Und ergänzt: 'Doch dort unten ist alles anders.' Es geht um Perspektiven in diesem inszenierten Hörspaziergang - um den nötigen Abstand für ruhiges Erzählen und Zuhören und um persönliche Erfahrungen vor Ort. (...) Dass sie die Fluchterlebnisse von professionellen Sprechern erzählen lassen, vermeidet vordergründige Authentizitätsanmutungen. Dabei stehen dahinter echte Menschen, deren Biografien immer weiter erzählt werden. Bei der Premiere vor zwei Jahren in Düsseldorf war der Aufenthaltsstatus aller vier Flüchtlinge noch ungeklärt, inzwischen ist einer deutscher Staatsbürger geworden und eine hat politisches Asyl erhalten. So ist die Inszenierung in stetem Wandel, und sie verändert sich auch mit dem jeweiligen Stadtraum der vier Protagonisten. Gemeinsam mit Sabine Trötschel von der Theaterwerkstatt Hannover haben die Macherinnen aus Köln monatelang Orte in der Nordstadt recherchiert, die sich mit den vier erzählten Schicksalen zu etwas Neuem verbinden. Dabei gelingt eine empathische Annäherung zwischen akzeptierter Fremdheit und vertrautem Alltag, für die es sich lohnt, die etablierten Bühnenräume zu verlassen."
Thomas Kaestle, Hannoversche Allgemeine Zeitung, 12. September 2017

"Das sei ganz schön merkwürdig, hier zu stehen, sagt Halima am Tor des jüdischen Friedhofs in der Nordstadt. Für sie als syrische Palästinenserin ergebe sich in Deutschland eine ganz neue Perspektive auf das Judentum. (...) Der inszenierte Hörspaziergang beginnt nicht zufällig hier, hoch über den Dächern. Von oben betrachtet ist die Vorstellung noch abstrakt, dass sich die Erlebnisse von Menschen aus Syrien, Afghanistan, Somalia und dem Irak eng verknüpfen werden mit dem altbekannten hannoverschen Viertel. (...) Die sorgfältige Verzahnung von Orten und Geschichten hilft dabei, sich während der Tour schnell einzufühlen in die fremden Stadtführer, die ihr Leben riskierten, um in Deutschland einen sicheren Ort zu finden. Das Produktionsteam hat den Kontakt zu ihnen weiter gepflegt - und ihre Biografien aktualisiert. Deshalb geht es inzwischen auch um Bleiben und Integration. (...) Vier Schauspieler führen die individuellen Fluchtgeschichten in einer Szene zusammen, die eindrucksvoll demonstriert, wie schwierig es ist, in der Fremde wirklich als Mensch wahrgenommen zu werden. Lebensläufe werden auf Fragebögen reduziert, in denen Individualität keinen Platz findet. Kulturelle Selbstverständlichkeiten prallen aufeinander: Eine Herkunftsadresse in Somalia? In einem Dorf, in dem die Straßen keine Namen haben? 'Dorthin wo Milch und Honig fliessen' sensibilisiert für Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Und erlaubt auch neue Blicke auf die Nordstadt – in der die Menschen schon seit langer Zeit kommen und gehen. Und oft auch bleiben."
Thomas Kaestle, Stadt-Anzeiger Nord, 21. September 2017

Credits

Konzept & Künstlerische Leitung: Charlott Dahmen & Karin Frommhagen, sowie in Hannover Sabine Trötschel / Dramaturgie & Text: Rosi Ulrich & Ensemble / Schauspiel: Azizè Flittner / Katrin Nowak / Anas Ouriaghli / Tomasso Tessitori / Sprecher*innen: Ralf Peters / Agnes Pollner / Tom Raczko / Nika Wanderer / Audioproduktion: Ralph Lennartz / Djoze & Tablas: Bassem Hawar / Ausstattung: Trixy Royeck & Ruth Spätling, sowie in Hannover Leila Semaan / Produktionsleitung: Charlott Dahmen & Karin Frommhagen, sowie in Hannover Sabine Trötschel / Regie- & Produktionsassistenz: Dominique Tauch / Dolmetscherinnen: Djoahra Ali & Rima Elsaleh / Kommunikationsdesign: Ute Brachwitz /  Fotos: Julius Matuschik & Sonja Palade / PR: minusmalminus | agentur für musik, kultur & kommunikation

Gefördert von
Engagement Global - Service für Entwicklungsinitiativen

Im Auftrag des
BMZ - Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

In Kooperation mit
intakt e.V., EXILE Kulturkoordination, Atelier Block 16 e.V., SPOKUSA – Verein für Sport, Kultur und soziale Arbeit e.V., Stadtteilzentrum Nordstadt e.V. / Bürgerschule, theaterwerkstatt hannover, Verband Entwicklungspolitik Niedersachsen e.V.

Premiere, September 2017, Nordstadt, Startpunkt Conti-Hochhaus, 14. Stock - Leibniz Universität Hannover

Der Eintritt geht als Spende an den Flüchtlingsrat Niedersachsen e.V..

Beteiligte Akteur*innen aus der Nordstadt:
African Muslim Union Masjed Taqwa (Moschee mit integriertem Ladenlokal) / Alevitische Gemeinde Hannover und Umgebung e.V. (Cem-Haus), Murat Yasik / Atelier Block 16 e.V., Angelika Wolf / Avni Altiner / Elfie & Ignaz Secondhand und Kunsthandwerk / Flüchtlingsrat Niedersachsen e.V., Gerlinde Becker, Anna-Maria Muhi, Muzaffer Öztürkyilmaz, Olaf Strübing, Sigmar Walbrecht / „Frederick“ – Beratungsladen für BerufsschülerInnen des BDKJ in Stadt und Region Hannover e.V. / Hannah-Arendt-Bibliothek-Hannover, Walter Koch / Ikram Markt / Ufuk Kurt und Tangazar Khasho / Leibniz Universität Hannover / Lezzeti Antep / Schwule Sau Hannover / SPOKUSA – Verein für Sport, Kultur und soziale Arbeit e.V. / Stadtteilzentrum Nordstadt e.V. / Bürgerschule